Singen als Öffnung nach Außen: Gedanken zu einer Ethik des Hörens

(Erweiterte Fassung eines auf der Osterwerkwoche des bischöflichen Kirchenmusikinstitutes 2009 in Fulda gehaltenen Referates, zuerst veröffentlicht in den Kirchenmusikalischen Informationen des Bistums Fulda vom 1. Halbjahr 2010)

von Kilian Gottwald

Die Kommunikation zwischen Singendem und Hörer unterscheidet sich von derjenigen beim Instrumentalspiel auf nicht zu unterschätzende Weise. Singen, zumal mit intakter und trainierter Stimme, ermöglicht über die reine Kunstfertigkeit hinaus einen Emotionstransport, wie er mit keinem Instrument zu erreichen ist. Zugleich aber bedeutet Singen vor Publikum, sei es im Chor, sei es solistisch, immer Öffnung nach Außen und somit ein Aufgeben von Schutz. Man kann sagen, dass der Sänger, die Sängerin sich dem Publikum auf eine Weise zeigt oder ausliefert, wie es beim Instrumentalspiel niemals der Fall sein kann, denn das Instrument ist hier voll und ganz der eigene Körper mit seiner Verletzlichkeit. Bei der Stimme ist die Tonproduktion ja keineswegs immer abrufbar, die Töne sind nicht wie bei allen Instrumenten mehr oder weniger bereits vorhanden und müssen nur „eingeschaltet“ werden. Ein schützendes und zumindest teilweise körperunabhängiges Instrument, hinter dem man sich ja im Falle von Orgel oder Klavier geradezu verstecken kann, gibt es beim Singen nicht. Die Öffnung zur Außenwelt hat eine sichtbare physiologische Komponente: Das ist vor allem der gegenüber der Sprechgewohnheit in der Regel deutlich weiter geöffnete Mund, aber auch die differenzierte Nutzung der Stimmlippen, die eigentlich ja eine Art Schutzventil zwischen Lunge und Außenwelt sind, in einem zwecks Klangverstärkung gut entfalteten, also ebenfalls geöffneten Vokaltrakt, zählt hierzu. Wichtiger für unsere Betrachtung ist aber die damit zusammenhängende psychische Seite, denn auch die ausgebildete Stimme zeigt immer mehr oder weniger deutlich den psychischen Zustand des Singenden. Vor Publikum kommt dann die allseits bekannte Nervosität hinzu, die sich unter anderem in verringerter Atmung, unsicherer Tongebung oder unregelmäßigem und zu schnellem Vibrato (Tremolo) zeigen kann.

Die Realisierung von Vokalmusik aller Art setzt bekanntlich eine gegenüber der Sprachgewohnheit differenzierte Benutzung der Stimme voraus. Das ist selbstverständlich, denn die Stimme ist hierbei ein Instrument, welches zur Hörbarmachung der vom Komponisten gewünschten Aussage gewisse Kriterien erfüllen muss. Zu diesem Zweck ist im Lauf der Musikgeschichte eine Reihe von Methoden entstanden, die als Stimmbildung, Gesangunterricht oder Stimmtraining bezeichnet werden. Die Auffassungen darüber, welches dabei die jeweils geeigneten Wege sind, gehen weit auseinander, und eine Diskussion sei hierüber an diesem Ort nicht angestellt. Wichtig aber ist die Feststellung, dass durch gezielte Ausbildung der Stimme neben der Steigerung stimmlicher Effizienz und Differenzierbarkeit auch dem Bedürfnis des Singenden nach Schutz und Sicherheit entsprochen wird. Das ist insbesondere der Fall, wenn eine Unterrichtsmethode in der Lage ist, Stimme, Körper und Psyche als Einheit zu sehen, und dem Schüler nicht eine vorgegebene Ästhetik aufgezwungen wird. Aber selbst dann, wenn jemand nichts anderes tut, als einen ihm angenehmen oder wünschenswerten Klang irgendwie nachzuahmen oder zu versuchen, sich auf sonst eine Art einen besonderen, „professionellen“ Klang zu geben, kann dies vor aller Bewertung zunächst als ein positives Engagement für die Musik und als eine unbewusste Suche nach Schutz aufgefasst werden.

Wer vor anderen und für andere Menschen singt, möchte diese erfreuen. Das darf man jedenfalls stets annehmen, wenngleich es vordergründig viele andere Motivationen und Anlässe für das Singen gibt. Und in der Tat kann Gesang in ganz intensiver Weise anderen Menschen Freude bereiten, vor allem dann, wenn das Singen dem Vortragenden auch selber Freude macht. Wenn Singen in der Kirchenmusik auf ein größeres Ziel hin geschieht, ist es keineswegs zu hoch gegriffen, wenn man hier Parallelen zu der grundsätzlichen Entscheidung des Christen für die Gleichwertigkeit von Nächsten- und Eigenliebe findet. Ehrlicherweise wird man jedoch beobachten, dass unsere Hörgewohnheit sehr oft anders funktioniert. Man kann sogar sagen, dass Singen mitunter auch als eine Art Angriff empfunden wird, den es abzuwehren gilt. Unterlegenheitsgefühl und Neid spielen eine Rolle, aber manchmal hat der Hörer auch selber ein nachvollziehbares Bedürfnis nach Schutz. Nicht jeder ist zu jeder Zeit in der Lage und willens, eine starke emotionale Aussage auf- oder anzunehmen. Die in der Kirchenmusik verbreitete Ablehnung des Sängervibratos als normaler, gesunder und wünschenswerter Bestandteil der ausgebildeten Stimme hat hier eine wichtige Ursache, denn gerade die Vollstimme mit Vibrato und Sängerformant (ein bestimmter, über jeden Orchersterklang hörbarer Obertonbereich, wahrgenommen als Brillanz) kann dem Hörer außerordentlich nahe gehen. Dem schlichten und aufgeschlossenen, von vorneherein dankbaren Empfangen stellt sich dann häufig der Drang nach Bewertung, Kritik, Vergleich entgegen. Das ist im Zeitalter uneingeschränkter Zugänglichkeit von Aufnahmen jeglicher Art und in größter Perfektion wohl erklärbar, aber es sei hier gefragt: Wie ist es um unsere Fähigkeit bestellt, sich beschenken zu lassen und was können wir als Hörende tun, damit der Singende sich seiner Stimme auch tatsächlich selber erfreuen kann?

Beim uns so geläufigen vergleichenden Bewerten von Gesang scheint oft eine konkrete Wunschvorstellung von perfektem Singen, von makellosem Stimmklang leitend zu sein. Hin und wieder kann eine Tonaufnahme einer solchen Idealvorstellung wohl nahe kommen, es bleiben aber viele Unklarheiten: Wie kann halbwegs objektiv festgestellt werden, welche Art von Realisierung eines Solostückes oder eines Chorsatzes angemessen ist? Welcher Stimmklang wird als schön bzw. richtig betrachtet und warum? Man braucht sich nur die Bandbreite an Klangfarbvarianten vorzustellen, die es im Bereich selbst eines klar definierbaren Solostimmfaches (Koloratursopran, lyrischer Bariton usw.) gibt, um sich hier einer gewissen Ratlosigkeit bewusst zu werden. Zuverlässige Kriterien scheint es tatsächlich kaum zu geben, und selbst auf ein gut trainiertes Tonhöhengehör ist keineswegs Verlass. Gerade hier gibt es individuelle Hörgewohnheiten, die z.B. durch Klangfarbenvorlieben deutlich beeinflusst sind. Dadurch werden Töne als zu hoch oder zu tief, Intervalle als rein oder unrein empfunden, obwohl sie es objektiv nicht sind. Ja, selbst eine messbar korrekte Tonhöhe muss nicht dem entsprechen, was musikalisch wünschenswert ist. Aspekte wie Tragfähigkeit (wobei sich auch dieser Begriff präziser allgemeiner Definition entzieht), klangliche Wärme, Fülle, Brillanz, Beweglichkeit, Zuverlässigkeit helfen wohl weiter, und die wichtige Frage nach der Gesundheit einer Stimme kommt hinzu. Es bleibt aber festzustellen, dass der Wunsch nach einer perfekten Stimme und nach perfektem Singen niemals erfüllbar sein kann, denn das würde einen perfekten Menschen voraussetzen. Beim Gesang ist es nicht anders als im Sport: Jedermann darf sich für abschließend urteilsfähig halten, auch wenn er nicht selber singen kann oder keinerlei weitere Vorkenntnisse und Erfahrungen besitzt. Es wird in unserer Gesellschaft sogar erwartet, dass man stets sofort zu Gehörtem einen Kommentar abzugeben in der Lage ist.

Es ist eher ungewöhnlich, dass sich ein Hörer oder Sänger beispielsweise nach einem Konzert eine gewisse Zeitspanne ausbittet, nach der er sich erst äußern möchte. Man stößt auch fast immer auf Unverständnis, wenn man nach einem intensiv empfundenen Auftritt einfach einmal gar nichts sagen möchte. Hier spielt die bereits genannte vorherrschende Bereitschaft zu Kritik hinein. Viel leichter fällt es oft, diejenigen Dinge zu benennen, die einem nicht gefallen haben (und die vielleicht nicht dieser oder jener Referenzaufnahme entsprechen), als diejenigen, die einem Freude bereitet haben (und die man vielleicht noch nie so gehört hat oder die im Gegenteil völlig selbstverständlich und unspektakulär wirkten). Spott über vermeintlich „opernhaftes“ Singen, Belustigung bei stimmlichen Schwierigkeiten oder fehlende Fairness bei altersbedingten Veränderungen (die übrigens oft genug durch gesangpädagogisches Desinteresse entstehen) sind leider an der Tagesordnung. Wie schwer muss es also sein, Hör- und Kritisiergewohnheit dahingehend zu üben, dass bereits beim ersten Hören das Vertrauen auf ein zukünftig vielleicht einmal viel tieferes Verständnis leitet? Aber sollte nicht die Neugier auf das, was einem irgendwann einmal gefallen könnte, viel stärker entdeckt und zugelassen werden? Ist das, was man den „Geschmack“ nennt, immer das Wichtigste, ist es immer zuverlässig? Darf sich nicht jeder Hörer noch viel mehr zutrauen, als seine momentane Vorliebe? Und sind nicht auch einmal die vielleicht zwei wunderbaren Takte, der eine weit geschwungene Legatobogen, die drei warmen tiefen Töne, das eine geglückte hohe gis das viel Wichtigere und Schönere als diese oder jene vermeintliche oder tatsächliche Schwäche? Stets sei auch bedacht, dass eine noch so kleine, leichtfertig kritische Bemerkung zu einem Sänger, zu einer Sängerin, gleich ob im Chor oder beim Sologesang (übrigens auch beim Unterricht), schwerste stimmliche Probleme auslösen kann, die oft jahre- wenn nicht jahrzehntelang nachwirken. Eine positive Äußerung dagegen wird immer enorm motivieren und kann gerade für Anfänger überaus hilfreich sein.

Es gibt allerdings bekanntlich auch Situationen, in welchen nun einmal gesangliche Leistungen möglichst nachvollziehbar und objektiv bewertet werden müssen, also Wettbewerbe und Prüfungen aller Art. Hier stellt sich die Frage nach der Trainierbarkeit der Singstimme, denn die messbar quantitativen Aspekte von Übung und Fleiß greifen dabei nicht in gleicher Weise wie beim Instrumentalspiel. Die Stimme durch stundenlanges mechanisches Üben verbessern zu wollen, wie es am Instrument nicht unüblich und durchaus erfolgversprechend ist, kann schon bei kleinen Fehlhaltungen zu größten gesundheitlichen Problemen führen. Und im Kunstgesang ist es noch viel weniger als beim Instrumentalspiel möglich, autodidaktisch die erforderliche Qualifikation zu erreichen. Intensives Training einer Stimme muss also auch intensiv betreut werden, was mit erheblichem Aufwand verbunden sein kann. Nicht überall und nicht zu jeder Zeit stehen ja Lehrer oder Lehrerinnen zur Verfügung, denen man sich ohne weiteres anvertrauen möchte. Es darf nicht zuletzt deshalb bei der Bewertung von Gesang grundsätzlich größtmögliche Toleranz empfohlen werden, zumal dem Schüler ja nichts anderes bleibt, als sich auf den Lehrer (dessen Fähigkeiten und Ansichten ja nicht mitbewertet werden) und den eigenen Instinkt (der ohne Relevanz für die Entwicklungsmöglichkeiten sehr unterschiedlich gut ausgeprägt sein kann) zu verlassen. Und in den allermeisten Fällen möchte ein Prüfling ja auch weiterhin Freude an seiner Stimme haben! Es bleiben ja noch durchaus abfragbare Kriterien zu bedenken, wie die Treue gegenüber den Angaben des Komponisten oder der Lernfortschritt gegenüber den Fähigkeiten zu Beginn einer Ausbildung.

In der Kirchenmusik ist noch sehr viel mehr als im sonstigen Musikleben die Möglichkeit gegeben, eine neue Ethik des Hörens zu entdecken. Mehr oder weniger steht hier ja eine erweiterte, tiefere Motivation des Musizierens als Glaubensakt hinter allem Bemühen. Daraus

kann sich eine neue Art des Hörens als zunächst grundsätzlich dankbares Empfangen und Genießen ergeben, also eine Dankbarkeit gerade dafür, dass der Singende sich mit seinem Körper und seiner Psyche öffnet auf ein gleiches Ziel hin wie der Hörer. Das Bewerten oder Kritisieren tritt dann von selber in den Hintergrund, und niemals wird der Verzicht auf Schutz ausgenutzt. Das bedeutet keineswegs eine Relativierung des wie auch immer gearteten Wunsches nach Qualität und Engagement, doch auch bei der Festlegung, worin hier Qualität besteht, eröffnen sich möglicherweise neue Denkwege. Das Bewusstsein der Tatsache, dass Singen -gleich ob im Chor oder auf dem Solistenpodium- immer auch ein vertrauendes Sich-Öffnen bedeutet, kann also die Art des Empfangens verändern, erweitern. Jedem ist dann sehr viel selbstverständlicher zuzugestehen, an der jeweiligen Stelle (in der Chorgemeinschaft, auf dem Konzertpodium, aber auch am Altar oder am Kantorenpult) ganz mit seiner Stimme eins zu sein. Für den Chorsänger, die Chorsängerin bedeutet das, nicht in einer amorphen Klangmasse unterzugehen, sondern als ein auf das gemeinsame Ziel hin orientiertes Individuum durch gute Anleitung mit der jeweils eigenen Stimme so genau wie möglich zusammen mit anderen das zu tun, was die Komposition verlangt bzw. was der Dirigent dazu angibt. Bei solistischen Aufgaben tritt in den Hintergrund, vorrangig Gegenstand der Beurteilung und Zielscheibe der Kritik zu sein, sondern zuallererst Mittler der vom Komponisten aufgrund des Textes erdachten musikalisch-emotionalen Aussage. Jedes kleinste Signal, das den Singenden die Bereitschaft des Hörers zum Empfang in einem solchen Sinn spüren lässt, wird ihn erreichen, auf seinen emotionalen Zustand positiv rückwirken und dadurch eine noch weit bessere Funktion der Stimme ermöglichen.

Am Schluss sei aus der Predigt zitiert, die Weihbischof Prof. Dr. Karlheinz Diez anlässlich des Diözesanchormusiktages am 4.10.2009 im Dom zu Fulda gehalten hat. Er zitierte den Limburger Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst, ais seinem Buch „Glaube braucht Gestalt, Ermutigung zu einer missionarischen Spiritualität“ Kevelaer 2006, S. 120f.): „Chorproben beginnen immer mit dem Einsingen. Die einzelnen Sängerinnen und Sänger sollen ein Gefühl für ihre Stimme bekommen. Mancher, der dann zum ersten Mal vorsingt, erschrickt über seine eigene Stimme. Viele brauchen eine längere Zeit, bis sie ihre eigene Stimme hören können, vom Band und erst recht vor anderen. Wer mit seiner eigenen Stimme vertraut und versöhnt ist, gewinnt Selbstvertrauen. Stimmigkeit bedeutet Ehrlichkeit und nicht Perfektion. So ist es auch im Glauben. Wer seine eigene Stimme einbringt, merkt schon bald, wie die Stimmigkeit des eigenen Leibes zunimmt. Wer es wagt, sich mitzuteilen, möchte auch die Stimme anderer hören. Der Austausch im Glauben wird umso reicher, je mehr Stimmen darin vorkommen. Je weniger vertreten sind, desto größer wird die Monotonie. Das größte Volumen an Stimmen schafft mehr Raum für die Verkündigung. Je mehr Stimmlagen vertreten sind, desto spürbarer ist die Resonanz. Sie beginnt mit der Wertschätzung jeder einzelnen Stimme. Nicht anders ist es mit der Botschaft des Evangeliums. Sie findet so viel Resonanz in unserer Gesellschaft, wie Einzelne unserem Glauben ihre Stimme geben. Wer mitsingt, ist missionarisch! Deshalb kommt es auf jede Stimme an.“

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