Wärme, Fülle, Farbe

Die Orgel der Stadtpfarrkirche Geisa und ihre Restaurierung

von Kilian Gottwald

Eines der größten Werke der thüringischen Orgelbauerfamilie Knauf, zugleich vermutlich ihr einziges dreimanualiges Instrument, steht in der katholischen Stadtpfarrkirche St. Philipus und Jakobus des Rhönstädtchens Geisa. Friedrich Knauf (1802-1883), ansässig in Großtabartz, später Gotha, erbaute es im Jahr 1848. Die Orgeln der evangelischen Kirche und der Gangolfikapelle in Geisa stammen allem Anschein nach auch aus dieser Werkstatt. Darüberhinaus hat sich in Thüringen eine beträchtliche Anzahl von Instrumenten dieser außerordentlich produktiven Orgelbauer erhalten. An dem nun restaurierten Werk in der Geisaer Stadtpfarrkirche lässt sich besonders deutlich nachvollziehen, weshalb sich allenfalls mittelgroße Familienbetriebe in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Abatzgebiet vom Rheinland bis ins Baltikum erschließen und so zu überregionaler Bedeutung gelangen konnten.

Modern mögen Knauf-Orgeln damals gewirkt haben mit ihren gefälligen Prospektfassaden, hinter deren blinden Pfeifenfeldern sich ein unsymmetrischer, chromatischer Ladenaufbau mit strahlenförmiger Trakturanlage verbirgt. Die Orientierung dieses Instrumentenkonzeptes mit seinen großen Zwillingsladen an Werken des berühmten Johann Friedrich Schulze in Paulinzella wird durch die Gestaltung der Spielschränke deutlich angezeigt. Ohne großen Planungsaufwand konnten nach einem stets gleichen Schema für die verschiedenen Raumsituationen jeweils geeignete Varianten ausgeführt werden. So entstanden z.B. allein in der Stadt Geisa ein-, zwei- und dreimanualige Orgeln des gleichen Grundtyps. Attraktiv ist das klangliche Angebot, das von der erheblichen Kraft eines soliden Prinzipalgerüstes getragen wird - der Geisaer Hauptwerk-Prinzipal hat die Töpfersche Normalmensur – und viel Wärme und Fülle, Farbenreichtum und eine erstaunliche dynamische Bandbreite bereitstellt. Dass Friedrich Knauf seine musikalischen Ziele in seinen Orgeln umzusetzen verstand, zeigen die 29 Register in Geisa eindrucksvoll nicht zuletzt durch die klanglichen Bezüge innerhalb der Orgel. Überraschend etwa ist die Zweckmäßigkeit der Pedalbesetzung einschließlich einer geschmeidigen, äußerst vielseitig verwendbaren durchschlagenden Posaune. Zudem dürften die Knaufschen Erzeugnisse recht wohlfeil gewesen sein. Jedenfalls ist die Ausführung der nahezu standardisierten Instrumente in Materialauswahl und Verarbeitung eher unaufwendig im Sinne einer Beschränkung auf das instrumentenbaulich Notwendige. Das Verhältnis zwischen vergleichsweise geringem Einsatz für die handwerkliche Ausführung und beachtlichem musikalischen Ergebnis ist bei dem Geisaer Instrument verblüffend. Vielleicht ist es demgegenüber charakteristisch für unsere Zeit, den Orgelbau oft in erster Linie von der handwerklichen Vollkommenheit her zu bewerten.
Diese Gedanken beschreiben den Weg der Orgelbauer Knauf von der althergebrachten Herstellungsweise und aus der großen mitteldeutschen Tradition heraus zu ihrem für die damalige Zeit und Wirtschaftssituation aktuellen Orgelkonzept. Als die große Orgel in Geisa gebaut wurde, stand in Deutschland die industrielle Revolution unmittelbar bevor; große gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen kündigten sich an. Erste Wagner-Uraufführungen markierten den Beginn einer neuen musikalischen Epoche. Auf seine Weise spiegelt das Instrument den andel in einer solchen Zeit wider.

Die Restaurierung der schon lange Zeit vor allem wegen sehr starken Holzwurmbefalls nicht mehr spielbaren Geisaer Stadtpfarrkirchenorgel konnte im Jahr 1996 bei der Marburger Firma Gerald Woehl in Auftrag gegeben werden. Mit der Fertigstellung im Sommer 2000 wurde die Sanierung der Kirche insgesamt - ein Projekt der Diözese Fulda - abgeschlossen. Das erfreulich vollständig erhaltene und nur wenig veränderte Originalpfeifenwerk hatte schon vor Beginn der Arbeiten hohe Erwartungen geweckt. An den schönen früheren Klang ihrer Orgel erinnerten sich ältere Geisaer Kirchenbesucher noch lebhaft. Bei dem offensichtlich besonders bedeutenden Klangdenkmal aus einer bewegten, spannenden Zeit des Orgelbaues genoss ein gewissenhaftes und aufmerksames Umgehen mit dem historischen Pfeifenbestand höchste Priorität- Um dem Musikinstrument jedoch vollauf gerecht zu werden, konnte das gewöhnliche Restaurierungsschema, das konsequente Erhalten aller Orgelteile, das Herausfinden eines Originalzustandes und ein möglichst unanfechtbares Wiederherstellen desselben, hier nicht die alleinige Richtschnur für alle Entscheidungen sein.

Friedrich Knauf hatte sich bei der Anwendung seines üblichen Konzeptes in Geisa nah an die Grenz der technischen Funktionstüchtigkeit herangewagt. Es erwies sich als notwendig, einen zu engen teil der Strahlenmechanik für das Mittelmanual neu anzulegen. Der Austausch der Blechpulpeten gegen Bleischeiben und das Vorspannen der Traktur mittels Eisenleisten auf den Tasten verbessern die Spielart. Vor allem konnten beim Nachbau der zu stark verwurmten Manualklaviatur die Hebelverhältnisse günstiger gestaltet werden. Dadurch war es möglich, die sehr heiklen originalen Koppelvorrichtungen mit ihren kleinen Hebelchen zwischen den Manualen zu erhalten und zu sicherer Funktion zu bringen. Die Verbesserung der Statik innerhalb der Orgel war Voraussetzung für eine nunmehr zuverlässig reagierende Traktur. Derlei Entscheidungen wird sich kein verantwortungsvoller Orgelrestaurator leicht machen, besonders dann nicht, wenn Eingriffe in die Originalsubstanz nötig sind. Es mag wohl auch unterschiedliche Auffassungen über den Zeitaufwand geben, der für die Entwicklung optimaler Lösungen nötig ist. Hilfreich war gerade hier die Zusammenarbeit mit Prof. Hans-Jürgen Kaiser, dem Sachverständigen der Diözese Fulda, und Hartmut Haupt vom Landesamt für Denkmalpflege Thüringen.

Ähnlich wie bei den technischen Arbeiten musste das Vorgehen bei der klanglichen Ausarbeitung im Kirchenraum abgewogen werden: Gerade hier sind reichlich Zeit und Ruhe gut eingesetzt, wenn vom Klangbild der gerichteten Pfeifen her und aus der Kenntnis erhaltener Instrumente heraus die vielen kleinen Entscheidungen für jede einzelne Pfeife getroffen werden müssen, die letztlich jenseits messbarer Parameter die musikalische Aussage des Instrumentes nach der Restaurierung bestimmen.
Die Aufarbeitung der Geisaer Pfeifen und die Intonation in der Kirche lagen in den gleichen Händen. Über jeden einzelnen Schritt und über alle Intonationshandgriffe wurde genau Protokoll geführt. Vielfach wurde erst bei der Ausarbeitung entschieden, ob etwa eine stark verwurmte Holzpfeife nicht doch noch erhalten werden kann, wie mit offenbar neueren Seitenbärten umzugehen ist oder ob eine neuere Ersatzpfeife wiederum ersetzt werden muss. Solche letztlich musikalischen Entscheidungen sind wie auch das Finden einer geeigneten Temperierung und Stimmtonhöhe durch theoretische Überlegungen nur bedingt zu erleichtern.

Die Veränderungen am Pfeifenbestand, die vermutlich Otto Markert aus Ostheim um 1905 vorgenommen hatte, galt es als zur Geschichte dieser Orgel gehörend und wegen der guten Qualität der damals neu eingesetzten Register Gambe und Salicional musikalisch sinnvoll zu deuten. Die Situation im dritten Manualwerk war allerdings etwas rätselhaft, vor allem wegen der Zusammenführung der tiefen Lagen von Salicional  (Manual III) und Geigenprincipal (Manual II) ohne Transmissionsklappen, die erst jetzt eingebaut wurden. Auf der hintersten Schleife von Manual III fand sich ein enges konisches Register, das mit seinen sehr niedrigen Aufschnitten und den auffälligerweise nur bei dieser Stimme zugekulpten Füßen ganz der Knaufschen Salicionalbauweise entspricht. Die Pfeifen sind dem Aussehen nach älter als der übrige Bestand. Markert überliefert „Flageolet 8’“ (!), was auf eine fehlerhafte Registerknopfaufschrift zurückgehen könnte. Weitergehende Schlüsse als den, dass hier jedenfalls ein Umbau geschah, wurden aber auch nach der Entdeckung weiterer Spuren nicht gezogen. Es wurde vielmehr eine Lösung gefunden, die es erlaubte, alles vorhandene Pfeifenwerk zu erhalten und in einen musikalischen Zusammenhang zu stellen: Das enge konische Register, das am Registerzug mit „Äoline“ bezeichnet ist, wurde leicht schwebend gestimmt, gerade nur so viel, dass es auch allein als Knauf-Salicional gespielt werden kann. Mit dem neueren, „eigentlichen“ Salicional oder mit der Harmonica, die wie die Traversflöte fehlte und rekonstruiert wurde, entstehen ungemein delikate, zauberhafte Klangfarben, deren Wirkung durch die Position dieses charmanten dritten Manualwerkes direkt unter der Kirchendecke um so poetischer ist. Fast könnte der Hörer meinen, die Orgel habe einen Schwellkasten.

Die restaurierte Knauf-Orgel in der Stadtpfarrkirche Geisa hat inzwischen als Gottesdienstinstrument, aber auch als Unterrichtsorgel des Bischöflichen Kirchenmusikinstitutes Fulda, bei einer reihe von Konzerten und bei einer CD-Einspielung mit Roland Maria Stangier eine Vielseitigkeit und Aktualität gezeigt, die man aus einer Disposition von 1848 nicht unbedingt herauslesen würde. So kann ein zunächst vielleicht unspektakulär erscheinendes Werk mit seinem durchdachten musikalischen Konzept Überlegungen zu den Qualitätskriterien im Orgelbau generell anregen, aber auch die Möglichkeiten aufzeigen, die sich bei einfallsreichem Umgang mit der Beziehung zwischen Instrument und Orgelliteratur ergeben – jenseits aller Fragen nach theoretisch korrektem oder gar authentischem Wiedergeben. Zum Improvisieren wird die Geisaer Orgel allemal anregen.

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