Bewegung der Klänge: Die Woehl-Orgel in St. Petri Cuxhaven

Überarbeitete und gekürzte Fassung eines Vortages von Kilian Gottwald, gehalten am 26.12.2011 im Weihnachtsgottesdienst in St. Petri Cuxhaven

Als Gerald Woehl zu Anfang der 1990er Jahre in Zusammenarbeit mit dem Hausorganisten Jürgen Sonnentheil und namhaften Sachverständigen daran ging, das Konzept für den Orgelneubau in St. Petri zu erarbeiten, ahnten wohl nur wenige die impulsgebende Bedeutung dieses Instrumentes. Wurde doch gerade dieser Orgelbauer mit seinen ebenso phantasievollen wie erfahrenen und begabten Mitarbeitern stets in einen eng zu begrenzende stilistische Linie eingeordnet, obgleich bei genauerem Hinsehen gerade sein Schaffen einem steten Wandel unterworfen war wie bei kaum einem anderen Meister seines Faches. Das große französische Vorbild Cavaille-Coll und eine streng klassische vollmechanische Bauweise ohne Kompromisse dürften wohl die Erwartungen der allermeisten charakterisiert haben. Es ist ja auch verständlich: Messbar, überprüfbar, vergleichbar soll eine neue Orgel sein, in jedem Fall möglichst genau erklärbar und nachvollziehbar. Diese Art des Denkens ist durch die außerordentlich leistungsfähige Forschung im Bereich der historischen Aufführungspraxis und die unüberschaubare Informationsfülle stark gefördert worden und nach den gleichen Kriterien wird wohl auch jetzt noch jede musikalische Äußerung meist bewertet.

Vor inzwischen fast zwanzig Jahren nun den Versuch zu unternehmen, ein neues Instrument im Kern als Kombination zweier sich zu ihrer Zeit einigermaßen widersprechender Klangstile, französische und deutsche Orgelromantik, zu planen, hat verständlicherweise Aufsehen unter den Fachleuten erregt. Die Verwendung elektrischer und elektronischer Bauteile zur Klangfarbenspeicherung traute man der Werkstatt Woehl schon gar nicht zu, um es vorsichtig zu formulieren. Die vielfachen Diskussionen über dieses Projekt im Vorfeld kann man aber bereits als ein erstes Anzeichen für eine einsetzende Bewegung der Klänge deuten!

Wenn nicht nur die eng vernetzte Welt der Musiker, Orgelkenner und –Liebhaber, sondern gerade auch die Kirchengemeinde dieses Instrument schnell außerordentlich zu schätzen gelernt hat, so ist das sicherlich zu einem guten Teil der Leistungsfähigkeit der Ausführenden Handwerker (Orgelbauer, Schreiner, Pfeifenmacher, Kirchenmaler…) und der guten Zusammenarbeit vor Ort zu danken. Der tiefere Grund liegt aber vor allem darin, dass hier ein Orgelgestalter nicht einfach stilistische Vorgaben kopiert und zusammengesetzt hat, sondern ganz seiner Intuition vertrauend bei aller Präzision im Übernehmen bewährter Vorgaben immer die Wärme, die Echtheit, die Menschlichkeit zum klanglichen Leitbild gemacht hat. Durch diesen klanglichen Kern wird erst die Verbindung verschiedener Elemente glaubwürdig, kann der Orgelklang bei aller Kraft und Pracht ebenso wie bei aller Zartheit berühren, anrühren, bewegen, ohne Brutalität oder Sentimentalität nötig zu haben.

Der Weg zu einer Universalorgel kann wohl nur auf genau diesen Grundlagen verlaufen, und die Cuxhavener Orgel zeigt ja tatsächlich eine außerordentliche Bandbreite der Möglichkeiten, obwohl sie nie dezidiert als Universalinstrument geplant war. Es zeigt sich hier eine erstaunliche Parallele zur Arbeit mit der Singstimme: Je besser eine Stimme im Kunstgesang ausgebildet ist und je mehr sie sozusagen aus der Einheit von Körper und Seele heraus wirkt, desto weniger „Interpretation“ muss der Singende über den Notentext überstülpen, desto echter vermag die Komposition direkt und nicht über den Verstand den Hörenden anzusprechen. Und wenn also jedes Register, jede Registerkombination echt, warm, glaubwürdig klingt (das ist im Übrigen nicht eben einfach zu realisieren und verlangt wirklich höchstes Engagement!), so kann man auf einer solchen guten Orgel wirklich verblüffend viel erreichen. Für das konzertante Spiel ist das sehr gut, für das Orgelspiel im Gottesdienst aber ebenso! Die Orgelmusik hat ja gerade die Aufgabe, an der Verkündigung auch gerade da mitzuwirken, wo Worte an ihre Grenze kommen.

Eine Bewegung der Klänge hat die Orgel von St. Petri also in vielerlei Hinsicht ausgelöst und diese Bewegung ist seither nicht erlahmt. Die Werkstatt Woehl hat inzwischen viele große und bedeutende Orgeln realisiert, die vielbeachteten Instrumente in der Michaeliskiche Hildesheim, in der Leipziger Thomaskirche, in der Herz-Jesu-Kirche München und in Flensburg St. Nicolai seinen hier stellvertretend genannt. In Pitea (Nordschweden) entsteht zur Zeit eine technisch hochkomplizierte moderne Konzertsaalorgel. Die Schauseiten der Instrumente sind überaus verschiedenartig gestaltet, wogegen in Cuxhaven noch ein eng an französischen Vorbildern orientiertes Massivholzgehäuse realisiert wurde. In der Orgelfachwelt sind inzwischen auch nicht wenige Einflüsse zu merken, die deutlich von Cuxhaven ausgingen und es bleibt zu wünschen, dass gerade diese Orgel für die Orgelgestalter der Zukunft weiterhin ein Vorbild bleibt an Zutrauen in die Tradition und zugleich Vertrauen in die eigene Intuition bei der Suche nach warmem, echten Klang.

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